NACHRUF AUS DER SPD: „SIE SCHRIEB PARTEIGESCHICHTE“ : Inge Wettig-Danielmeier: Ikone der SPD-Frauenpolitik

25. Mai 2026 // Holger H. Lührig

Der SPD-Parteivorstand veröffentlichte am 22. Mai 2026 einen Nachruf auf die zwei Tage zuvor, am 20. Mai, im Alter von 89 Jahren verstorbene SPD-Politikerin Inge Wettig-Danielmeier. SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan schrieb über sie in einem Nachruf: „Sie schrieb Parteigeschichte". Zur Erinnerung an Inge Wettig-Danielmeier veröffentlichen wir an dieser Stelle des Tex eines Schreibens, dass im Jahre 2016 die damalige ASF-Bundesvorsitzende Elke Ferner und ihre Vorgängerin Karin Junker anlässlich zu deren 80. Geburtstag verfasst hatten.

Inge Wettig-Danielmeier, die langjährige Schatzmeisterin der SPD und Ikone der sozialdemokratischen Gleichstellungspolitik, ist im Alter von 89 Jahren verstorben.

Anlässlich ihres Todes erinnert Dietmar Nietan, Schatzmeister und Treuhänder der SPD:

„Sie schrieb Parteigeschichte“.

Inge Wettig-Danielmeier trat 1959 in die SPD ein, um zu gestalten. Über Jahrzehnte hat ihr politisches Wirken nicht nur die SPD verändert. Sie hat auch als Göttinger Parlamentarierin - vom Kreistag über den Landtag bis zum Bundestag – als Bildungsexpertin und leidenschaftliche Gleichstellungspolitikerin vieles bewegt. Ihre eigene Biografie, ihr Bildungshunger und Emanzipation waren ihr dabei steter Antrieb.

Bei der Fülle ihrer Verdienste fällt es schwer, eine Auswahl zu treffen. Exemplarisch sind zu nennen, dass sie als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen für die Quotenregelung in der SPD kämpfte, die seit 1988 gilt. Als Bundestagsabgeordnete wirkte sie am parteiübergreifenden historischen Kompromiss zum § 218 im Jahr 1995 mit und auch das Parteiengesetz trägt ihre Handschrift.

Als erste Frau in der SPD-Spitze verantwortete sie als Schatzmeisterin sechzehn Jahre lang, von 1991 bis 2007, die Finanzen der SPD. Unseren allerhöchsten Respekt verdient u.a. ihr Wirken als Generaltreuhänderin der SPD. Sie hat den Unternehmensbereich neu strukturiert und auf Erfolgskurs gebracht und unser historisches Erbe, das auf “Arbeitergroschen” gründete, gegen die Angriffe politischer Gegner verteidigt. Parteihäuser ließ sie zudem sanieren, die nach der Wiedervereinigung wieder in den Besitz der SPD kamen.

Mit großem Stolz erfüllte sie vor allem der Bau des Willy-Brandt-Hauses in Berlin vor nunmehr 30 Jahren: Dass es nicht nur eine Parteizentrale ist, sondern auch ein Ort der Kultur ging maßgeblich von ihr aus, denn sie war auch die Initiatorin des „Freundeskreis Willy-Brandt-Haus“, der unsere Parteizentrale mit Ausstellungen und Veranstaltungen auch zu einem Ort der Begegnung macht.

Ihrer politischen Leidenschaft und ihrem unermüdlichen Einsatz als Hüterin unserer Finanzen hat die Sozialdemokratie viel zu verdanken.

Wir werden ihr Andenken wahren und ihr Wirken niemals vergessen.

Die SPD-Flagge wird vor dem Willy-Brandt-Haus heute zum Gedenken auf Halbmast gesetzt.


Zur Erinnerung:

Zum 80. Geburtstag am 1. Oktober 2016 schrieben die damalige Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) Elke Ferner und die ehemalige ASF-Bundesvorsitzende Karin Junker:über Inge Wettig-Danielmeier:

>>Eine Ikone der sozialdemokratischen Gleichstellungspolitik wird 80: Gratulation, Inge Wettig-Danielmeier! Deutschlands Frauen haben ihr wesentlich den Aufbruch in eine emanzipatorisch geprägte Frauenpolitik zu verdanken, die bis heute den Weg für die Gleichstellung der Geschlechter vorgibt. Schon 1968 nahm sie den Kampf für eine bis dahin nur unzureichend zugestandene eigenständige Frauenarbeit in der SPD auf, der 1973 mit Erfolg zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen“ (ASF) führte, deren Vorsitz sie 1981 übernahm. Da hatte sie sich schon einen Namen als Bildungspolitikerin im niedersächsischen Landtag gemacht, in den sie 1972 als zweite Frau in der Geschichte des Landes eingezogen war – wohl wissend, dass gleichberechtigte Bildungsbeteiligung von Mädchen und Frauen der Schlüssel für Selbstbestimmung, persönliche Unabhängigkeit und gesellschaftliches Fortkommen ist.Das Angebot der Parteiführung, Frauen in den Gremien eine 20-Prozent-Quote einzuräumen, lehnte sie vehement ab, weil diese den Minderheitenstatus von Frauen festgeschrieben hätte. In der sogenannten Mindestabsicherung, nämlich einer Satzungsquote von mindestens 40 Prozent für beide Geschlechter, sah sie schließlich die Chance, für Frauen in Führungsgremien und Parlamentsfraktionen am Ende eine paritätische Beteiligung zu ermöglichen. Daraus wurde ab 1988 eine wahre „Zeitenwende“, wie sie es nannte. Die Zahlen belegen es, auch wenn noch nicht alle Gleichheitswünsche erfüllt sind.Inge Wettig-Danielmeier, die schließlich 1990 vom niedersächsischen Landtag in den Bundestag wechselte, kämpfte mit unverdrossenem Engagement an vielen frauen- und gleichstellungspolitischen Fronten vom Namens- bis zum Familien- und Scheidungsrecht. Bekanntlich wurde erst 1977 das gesetzliche Leitbild der Hausfrauenehe zugunsten eines partnerschaftlichen Verständnisses abgeschafft. Ihr spektakulärster Erfolg im Deutschen Bundestag war nach Jahren ideologischer und juristischer Grabenkriege bis hin zum Verfassungsgericht und zurück ihr Einsatz für einen fraktionsübergreifenden Kompromiss zum Schwangerschaftsabbruch, welcher Schluss machte mit der Kriminalisierung von Frauen, die in einem Schwangerschaftsabbruch einen Ausweg aus der Not sahen. Der Abtreibungstourismus hörte auf, die angebotenen Hilfen wurden nicht selten angenommen, die Abbruchzahlen sanken bis heute deutlich.Ein nachhaltiger Erfolg in der SPD gelang ihr mit der Einflussnahme auf das Berliner Programm, in dem das Gleichstellungsthema ab 1989 einen hohen Stellenwert einnahm. „Der Programmentwurf“, so Inge Wettig-Danielmeier, „machte deutlich, dass [...] nur eine andere Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann zur Gleichstellung führt und dass wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten unsere programmatischen Vorstellungen selbst leben müssen“. Das ist weiterhin der Maßstab für die ASF und das politische Handeln der SPD. Ihr jahrzehntelanges hartnäckiges Eintreten für Geschlechtergerechtigkeit fand Beachtung und Anerkennung auch in vielen Funktionen der Partei als Mitglied von Parteivorstand und Präsidium, als Vorsitzende des Kommission Bildungspolitik beim SPD-Parteivorstand und vor allem ab 1991 als Schatzmeisterin der SPD – als erste Frau in diesem verantwortungsvollem Amt. Diese Funktionen hat sie heute nicht mehr inne. Aber eine Ikone der Frauen- und Gleichstellungspolitik wird sie lebenslang bleiben, nicht nur für die SPD!<<

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