zwd Berlin. Die BSK zeigte sich nicht davon überrascht, dass die Bundesrepublik laut aktueller UNICEF-Studie beim Kindeswohl „deutlich schlechter abschneidet“. Kinder würden „täglich Leistungsdruck, psychische Belastung und fehlende Unterstützung“ erleben, erklärte die BSK-Generalsekretärin Amy Kirchhoff mit Blick auf die Ergebnisse. Demnach beherrschen unter zwei Drittel (60 Prozent) der bundesdeutschen15-Jährigen Grundkompetenzen im Lesen und in Mathematik. Beim kindlichen Wohlbefinden belegt Deutschland mit Platz 25 von 37 Staaten der EU und OECD den untersten Rang im Mittelfeld. Sozio-ökonomisch benachteiligte Kinder erreichen in allen untersuchten Gebieten – körperliche und psychische Gesundheit, Lebenszufriedenheit, schulische und soziale Kompetenzen – beträchtlich schlechtere Werte als privilegierte.
BSK: Politik soll Chancengleichheit und psychische Gesundheit förderm
„Junge Menschen brauchen faire Chancen, echte Unterstützung und Zukunftsperspektiven“ unabhängig vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern, betonte die BSK-Vorsitzende in einem Kommentar vom 19. Mai. Die Schüler:innen rufen energisch die Politik auf, „im Interesse der jungen Generation“ zu handeln, verstärkt in Bildung und schulische Sozialarbeit zu investieren, psychisches Wohlbefinden und mehr Chancengleichheit zu fördern. Gemäß der sog. Report Card 20 sind mit 58 Prozent erheblich weniger unter 16-Jährige aus Familien mit den geringsten Einkommen körperlich gesund als Kinder der finanziell am besten gestellten Elternhäuser (79 Prozent).
Mit 61 Prozent sind auch eindeutig weniger 15-Jährige aus sozio-ökonomisch benachteiligten Verhältnissen mit ihrem Leben sehr zufrieden als gleichaltrige Jugendliche aus privilegierten Familien (73 Prozent). Besonders stark fallen die Unterschiede bei den schulischen Grundkompetenzen aus: Weniger als die Hälfte (46 Prozent) der 15-Jährigen aus Familien des untersten Einkommensfünftels verfügen über Mindestkompetenzen im Lesen und in Mathematik, bei den Jugendlichen aus Elternhäusern mit den höchsten Einkünften sind es hingegen 44 Prozent mehr (90 Prozent).
SPD: Kinderarmut wirksam bekämpfen und Rechte von Kindern stärken
Eine stark ausgeprägte „soziale Kluft“ – bei schulischen Leistungen - offenbare „strukturelle Schwächen unseres Bildungssystems“, hob die Sprecherin für Familienpolitik der SPD-Fraktion Jasmina Hostert im Interview mit der Welt am Montag hervor. Es sei entscheidend, beste Bildungschancen ab der Kita zu gewährleisten, vor allem für ökonomisch benachteiligte Kinder. Dazu gehört aus Sicht von Hostert, „Kinderarmut wirksam zu bekämpfen“ und gezielt da zu investieren, „wo die Herausforderungen am größten sind“. Überdies seien Kinderrechte konsequent zu stärken, um für alle gleiche Möglichkeiten der Entwicklung sicherzustellen. Die bildungspolitische Sprecherin der Unionsfraktion Anne König plädierte dafür, die Kompetenzen Schreiben, Lesen, Rechnen in der Schule wieder zum Mittelpunkt zu machen, „weitestgehend ohne digitale Ablenkung“ und mehr mit herkömmlichen Methoden.
König empfahl, obligatorisch den Sprachstand aller vierjährigen Kinder zu überprüfen. Mit den Tests und mit früh ansetzender Förderung möchte sie sozial benachteiligte Kinder rechtzeitig einbeziehen, bevor Lernrückstände zu sehr anwachsen. Die obersten Plätze im internationalen Ranking zum kindlichen Wohlbefinden belegten wie im Vorjahr die Niederlanden, Dänemark und Frankreich. Auch einige etwas wirtschaftsschwächere Länder, wie Portugal (Platz 4), Litauen (Platz 7), Rumänien und Ungarn (Plätze 9 und 10), gelangten beim Staatenvergleich zum Wohlbefinden von Kindern in die oberen Ränge. Bei der Lebenszufriedenheit (30. Platz) wie den schulisch-sozialen Kompetenzen (34. Platz) 15-jähriger Schüler:innen besetzte die Bundesrepublik jeweils den achtletzten Rang (von 37 bzw. 41 Ländern).
Grüne: Mittelkürzungen Bankrotterklärung für Bildungs- und Sozialpolitik
Grüne und Linke bewerteten die Resultate des Forschungsberichts insbesondere hinsichtlich der ungleichen Bildungschancen als skandalös. Die Vize-Vorsitzende der Grünen-Fraktion Misbah Khan trat anlässlich der Veröffentlichung der Studie am 17. Mai für „massive Investitionen in die Bildung unserer Kinder“ und ebenfalls für effektiven Kampf gegen Kinderarmut ein. Die stattdessen von der Bundesregierung geplanten Mittelkürzungen kritisierte Khan gegenüber dem RND als „Bankrotterklärung für die Bildungs- und Sozialpolitik“. Linken-Fraktions-Vize NicoleGohlke setzte sich nicht nur dafür ein, starke, einklagbare Rechte von Kindern im GG festzuschreiben, sondern auch, „eine echte, armutsfeste Kindergrundsicherung“ einzuführen.
Die Linke Gohlke schlug umfangreiche, gesteuerte Investitionen in soziale Infrastruktur vor, von guter Ausstattung für Kitas in Problembezirken bis hin zur „flächendeckenden Gesundheitsversorgung“. Der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland Christian Schneider verlangte, Bekämpfen von Kinderarmut zur politischen Priorität zu machen. Das Land vergebe sich Zukunftschancen, mahnte er, wer in der heutigen Zeit nicht Teilhabe, Bildung und Gesundheitsfürsorge der Jüngsten unterstütze, schade den Kindern und zahle künftig obendrein einen hohen, gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Preis. „Wie wir mit benachteiligten Kindern umgehen, entscheidet darüber, wie leistungsfähig und resilient unsere Gesellschaft sein wird“, so Schneider.
UNICEF: In ungleicheren Ländern erleiden Kinder größere Nachteile
Der 20. UNICEF-Bericht in der seit 2000 herausgegebenen Report Card-Reihe des Forschungsinstituts Innocenti betrachtet die Korrelation von sozio-ökonomischen Ungleichheiten und Lebensbedingungen von Kindern in insgesamt 44 EU- und OECD- Staaten. Die Studie stellt fest, dass Länder mit ungerechter verteilten Einkommen tendenziell auch höhere Quoten von Kinderarmut aufweisen. Die gemessen an den Einkünften der Bevölkerung egalitärsten Länder sind der Untersuchung zufolge die Slowakei, Island und Tschechien. In den Staaten mit der unfairsten Einkommenskluft zwischen oberstem und unterstem Fünftel USA, Chile und Costa Rica verdienen die reichsten Leute 8- bis 12-mal so viel wie die ärmsten, in der Bundesrepublik 5,0 mal so viel. Die Kinderarmuts-Quoten liegen zwischen ca. 10 bis 11 Prozent in Dänemark, Slowenien und Finnland einerseits und über 37 Prozent in Kolumbien und Costa Rica, in Deutschland inzwischen bei 16,0 Prozent (2025).
In allen analysierten Feldern erzielten Kinder aus Familien mit höheren Einkünften durchschnittlich bessere Werte als unterprivilegierte Gleichaltrige. In der EU schätzten 2024 58 Prozent der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten mit den geringsten Einkommen die Gesundheit ihrer Kinder als sehr gut ein, 15 Prozent weniger als sozio-ökonomisch privilegierte Erziehungspersonen (73 Prozent). Bei der Umfrage zur Lebenszufriedenheit betrug 2022 die Diskrepanz zwischen ökonomisch benachteiligten (67 Prozent) und bevorzugten 15-Jährigen (77 Prozent) ein Zehntel. Bei schulischen Grundkompetenzen klafften die Anteile sozial unterprivilegierter (42 Prozent) und wohlhabender Kinder (83 Prozent), welche die Mindeststandards schaffen, sogar über zwei Fünftel (41 Prozent) auseinander. Für die Studie zogen die Forscher:innen u.a. neuere Daten der UN zu Kindersterblichkeitsquoten, Statistiken der WHO zu Übergewicht und Suizidraten sowie die PISA-Erhebung von 2022 zu Grundkompetenzen, sozialen Fähigkeiten und Lebenszufriedenheit heran.
Chancenmonitor: Bildung immer noch von sozialer Herkunft bestimmt
Ähnliche Zusammenhänge zwischen Bildung und sozialer Herkunft in der Bundesrepublik deckte der wenige Wochen vorher (28. April) erschienene Chancenmonitor des ifo-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (zwd-Portal berichtete) auf. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, steigt die Wahrscheinlichkeit von Kindern, ein Gymnasium zu besuchen, mit der Bildungsstufe der Eltern und dem Haushaltseinkommen. Während sich lediglich knapp 17 Prozent der Kinder, deren Mütter und Väter kein Abitur absolviert und monatliche Einkünfte unter 2.750 Euro haben, für das Gymnasium anmelden, sind es bei Kindern, deren beide Elternteile die Hochschulreife besitzen und mehr als 6.000 Euro verdienen, rund 80 Prozent.
Weiterhin scheinen die Entscheidung für die höhere Schulbildung auch Migrationshintergrund und Erziehungsform zu beeinflussen. Kinder von Migrant/innen lernen mit 35,9 Prozent seltener auf dem Gymnasium als Kinder ohne Migrationshintergrund (42,8 Prozent), Kinder Alleinerziehender mit 31,9 Prozent weniger häufig als Kinder, die bei beiden Elternteilen leben (42,8 Prozent). Der Deutsche Philologenverband (DPhV) sprach sich angesichts der starken Bildungsunterschiede u.a. für verbindliche Empfehlungen zum Übergang von Grundschulen in weiterführende Schularten aus, um zu vermeiden, dass leistungsstarke Kinder aus wirtschaftlich unterprivilegierten Familien, wie statistisch erwiesen, beim Gymnasialbesuch benachteiligt werden. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) forderte bedarfsgerechte Finanzierung von Schulen, multiprofessionelle Zusammenarbeit, um Schüler:innen optimal zu unterstützen, und frühzeitige Förderung an Kitas.