BERUFSBILDUNGSBERICHT 2026 | STATISTIK EUROSTAT : Linke und Gewerkschaften fordern bundesweite Ausbildungsumlage

30. Mai 2026 // Ulrike Günther

Die Situation für Azubis auf dem Berufsbildungsmarkt hat sich verschärft: Rückgänge bei Anfänger:innen und Ausbildungsplätzen, mehr unversorgte Bewerber:innen. Gleichzeitig steigt die Zahl junger Menschen ohne Ausbildung oder Job (NEET). Bundesbildungsministerin Karin Prien (Union) möchte berufliche Bildung attraktiver machen, die SPD allen Chancen auf Berufsabschlüsse eröffnen. Gewerkschaften und Linke fordern ein Aktionsprogramm und einen Umlagefonds.

Bei einer Entscheidung für eine Laufbahn ist gute Berufsorientierung wichtig. - Bild: flickr/ rmt.hh
Bei einer Entscheidung für eine Laufbahn ist gute Berufsorientierung wichtig. - Bild: flickr/ rmt.hh

zwd Berlin. Wie aus einer Mitteilung der EU-Statistikbehörde (Eurostat) vom Donnerstag hervorgeht, stieg in der Bundesrepublik der Anteil der 15- bis 29-jährigen NEETs im Jahrzehnt bis 2025 um 1,0 Prozent (auf 9,5 Prozent), während die Quote EU-weit im selben Zeitraum um 4,2 Prozent (auf 11,0 Prozent) sank. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich die Rate bundesdeutscher junger, nicht in Schule, Ausbildung oder Job befindlicher Menschen um 0,8 Prozent (EU: - 0,1 Prozent). Es sei wichtig, „für junge Erwachsene einen reibungslosen Übergang von Bildung in Arbeit zu gewährleisten und gleichzeitig auf die Risiken dieser Situation hinzuweisen“, heißt es in den begleitenden Erläuterungen.

Quote junger Menschen ohne Ausbildung und Job gestiegen

Demnach ist Deutschland – neben Luxemburg und Österreich (+ 1,2/ + 1,6 Prozent) - eines von nur drei EU-Ländern, wo sich die Werte seit 2015 signifikant erhöhten. Der Übergang von Schule in Berufstätigkeit sei im Verlaufe der Zeit insgesamt komplizierter geworden, indem junge Menschen häufiger ihren Job wechselten, sich erst später auf dem Arbeitsmarkt durchsetzten, sich weiterqualifizierten, Studen:innen mit Teilzeit-Beschäftigungen ihre Einkünfte aufbesserten, wodurch sich diese Phase weniger eindeutig gestalte.

Dabei scheint die Quote der NEETs vom Bildungsgrad der jungen Leute beeinflusst. Bei Geringqualifizierten (bis Sekundarstufe I) fällt sie weitaus höher aus als bei Personen mit erweiterter Sekundar- oder Tertiärbildung. Die deutsche NEET-Rate gering qualifizierter junger Erwachsener überschritt mit 13,7 Prozent deutlich den EU-Mittelwert derselben Bildungsstufe (12,8 Prozent), während die Quoten bei Personen mit mittlerer oder höherer Bildung (7,2/ 6,2 Prozent) unterhalb des EU-Durchschnitts (11,0/ 8,0 Prozent) rangierten. Bei jungen Frauen befand sich der Anteil von über einem Zehntel (10,6 Prozent, EU: 12,0 Prozent) mehr als 2 Prozentpunkte über dem der Männer (8,5 Prozent). Die höchsten Raten in der EU wiesen Rumänen und Bulgarien (19,2/ 13,8 Prozent), die niedrigsten Schweden und die Niederlanden (5,9/ 5,3 Prozent) auf.

Hohe Zahl von Ungelernten, mehr unversorgte Bewerber:innen

Laut aktuellem Berufsbildungsbericht 2026 haben Absolvent:innen von Ausbildungsgängen in der Bundesrepublik gute Berufsaussichten, denn 94 Prozent von ihnen befinden sich 1 bis 2 Jahre nach dem Abschluss in Arbeit, 15 Prozent mehr als im internationalen Vergleich der OECD-Staaten (79 Prozent). Andererseits verzeichnet der am 13. Mai im Bundestag als Unterrichtung (Drs. 21/ 5900) veröffentlichte Report Rückgänge bei Anfänger:innen (- 1,2 Prozent) und angebotenen Ausbildungsplätzen (- 4,6 Prozent), einen Anstieg bei den Bewerber:innen (+ 3,0 Prozent), einen erheblichen Zuwachs bei den unversorgten Ausbildungs-Interessent:innen (+ 28,0 Prozent) und eine ebenfalls beträchtliche Abnahme bei den unbesetzten Azubi-Stellen (- 21,6 Prozent), beides Höchstwerte seit 2007 bzw. 2009.

Die Zahl der ungelernten jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 Jahren verblieb mit 2,76 Mill. trotz eines leichten Rückgangs (- 0,2 Prozent) auf einem hohen Level, die Rate der nicht formal qualifizierten 20- bis 24-Jährigen stieg 2023 bis 2024 sogar um 1,0 Prozent (auf 17,8 Prozent). Das Bundesministerium für Bildung (BMBFSFJ) muss gemäß Berufsbildungsgesetz jährlich bis Mitte Mai einen Bericht über die Entwicklungen bei der beruflichen Bildung vorlegen.

GEW kritisiert sozial ungleiche Chancen auf Berufsbildung

Die Erziehungsgewerkschaft zeigte sich wie vorher schon Linke, DGB und ver.di von der im Bericht dokumentierten Lage auf dem Ausbildungsmarkt alarmiert. GEW-Vorstandsmitglied für Berufliche Bildung Ralf Becker kritisierte vor allem, dass gemäß Berufsbildungsreport „der Zugang zur Ausbildung weiterhin sozial ungleich verteilt“ sei. Das betreffe besonders junge Menschen, die nicht die bundesdeutsche Staatsangehörigkeit besäßen, erklärte Becker in einem Kommentar vom 07. Mai. Die Barrieren, mit denen sich junge Menschen mit Einschränkungen oder mit Schulabschlüssen auf geringerer Stufe konfrontiert sehen würden, seien weiterhin hoch. Der Berufsbildungs-Fachmann drängte auf rasche „deutliche Verbesserungen“. Die GEW trat deshalb für strukturelle Maßnahmen ein, die „mehr Chancengleichheit, diskriminierungsfreie Auswahlverfahren und eine barrierefreie und inklusive Ausbildung“ absichern.

Im Übrigen stellte sie sich hinter die Forderungen des DGB nach einem Aktionsprogramm für mehr Berufsbildungsplätze, inklusive erweiterter Ausbildungsgarantie und betrieblichem Umlage-Fonds. Wie der Bericht belegt, lag die Anfänger:innen-Quote bei Menschen anderer Nationalitäten mit 38,5 Prozent deutlich unter derjenigen von bundesdeutschen Staatsbürger:innen (52,8 Prozent). Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund hätten nach Daten empirischer Erhebungen schlechtere Chancen beim Übergang von Schule in Berufsbildung. Überdies ist die Rate nicht formal Qualifizierter unter jungen, 20- bis 34-jährigen Erwachsenen ohne deutsche Staatsangehörigkeit nach Angaben des Reports mit 37,2 Prozent mehr als dreimal so hoch wie die der bundesdeutschen Vergleichsgruppe (12,2 Prozent).

Prien: Berufsbildung soll attraktive Alternative zum Studium werden

Bundesbildungsministerin Prien erkannte bei der Vorstellung des Berichts im Bundeskabinett (06. Mai) die sich verstärkenden „Herausforderungen für den Ausbildungsmarkt“ an. In bestimmten Berufsbildungsgängen blieben viele Bewerber:innen unversorgt, die Qualifikationen der Interessent:innen würden nicht immer mit den Anforderungsprofilen für die Azubis in den Betrieben übereinstimmen. Prien plant daher, Berufsausbildung attraktiver zu machen. Diese müsse „als gleichwertige (…) Alternative zum Studium“ sichtbar werden.

Mit der im Februar gestarteten Qualifizierungsoffensive Berufliche Bildung verfolge die Koalition „einen ganzheitlichen Ansatz“, um mehr Menschen in Ausbildungsgänge und Beschäftigung zu bringen. Nach Aussagen des BMBFSFJ soll die Offensive die Berufsorientierung für verschiedene Schulformen verbessern, ansprechendere Lern- und Arbeitsbedingungen schaffen, bessere Karrierechancen ermöglichen und auf den Berufsabschluss hin orientierte Teilqualifikationen weiterentwickeln.

SPD: Alle sollen anerkannte Berufsabschlüsse ablegen können

Die SPD-Bundestagsfraktion möchte „die duale Ausbildung weiter stärken und die Berufsorientierung voranbringen“, betonte der zuständige Berichterstatter der Sozialdemokrat:innen Martin Rabanus mit Blick auf die durch die schwache Wirtschaft geprägte ungünstige Bilanz. Den Anstieg bei den unversorgten Bewerber:innen nannte Rabanus besorgniserregend. Dem stünden viele unbesetzte Ausbildungsplätze gegenüber. Grundsätzlich mangele es nicht an Angebot oder Nachfrage, „sondern an der Passung“. Als positiv beurteilte der SPD-Politiker, dass bei den Gesundheits- und Sozialberufen die Anzahl der Azubis (+ 3,8 Prozent) zugenommen habe, „ein wichtiges Signal für die Fachkräftesicherung“ in diesen zentralen Bereichen der Gesellschaft.

Insgesamt bleibt es aus Sicht von Rabanus eine Aufgabe, mehr Frauen für duale Berufsbildungsgänge, v.a. in MINT-Bereichen, zu werben. Als wichtig hob er auch die hohe Zahl junger Menschen ohne absolvierte Ausbildung hervor. Angesichts des großen Fachkräftemangels könne man sich das nicht leisten, mahnte der Bildungspolitiker, jeder fehlende Berufsabschluss stelle sowohl für die Zukunft der Einzelnen als auch die Wirtschaftsentwicklung ein Risiko dar. Seine Fraktion habe sich zum Ziel gesetzt, „viele junge Menschen in Ausbildung“ zu vermitteln, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden und „allen die Chance auf einen anerkannten Berufsabschluss“ zu eröffnen.

Linke fordern erweiterte Ausbildungsgarantie mit Rechtsanspruch

Dass rund 84.000 Bewerber:innen - mit und ohne Alternativen, wie Praktika, berufsvorbereitende Maßnahmen, Einstiegsqualifizierungen (Anm. d. Red.) – noch immer nach Ausbildungsstellen suchten, die Betriebe andererseits bedeutend weniger Azubi-Plätze (- 25.300) bereitstellten, führte die Sprecherin der Linksfraktion für Berufliche Bildung Maren Kaminski nicht auf ein Konjunkturproblem zurück, stattdessen auf ein „strukturelles Marktversagen“. Kaminski forderte „eine Ausbildungsumlage“ anstelle von Absichtserklärungen, darüber hinaus einen Zukunftsfonds, eine echte Ausbildungsgarantie mit Rechtsanspruch auf vollwertigen Ausbildungsplatz (…) sowie verbindliche Antidiskriminierungsmaßnahmen“ beim Zugang zu Berufsbildung.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack bemängelte, die Chancen junger Menschen auf einen Ausbildungsplatz hätten sich noch mehr verschlechtert. Die Versäumnisse seien unübersehbar, sie gefährdeten „die wirtschaftliche Entwicklung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Obwohl über „vermeintlichen Fachkräftemangel“ geklagt werde, bildeten mit lediglich 18,8 Prozent (2019: 19,6 Prozent) immer weniger Betriebe Azubis aus. Größere Unternehmen würden wegen der Wirtschaftslage Ausbildungsstellen streichen, kleinere Betriebe sich vielfach komplett von Berufsbildung zurückziehen. Das sei nicht ausreichend, um den Personalmangel zu beseitigen und sämtlichen jungen Leuten zum beruflichen Abschluss zu verhelfen.

DGB und ver.di: Brauchen Aktionsprogramm und Ausbildungsumlage

„Wir brauchen dringend ein Aktionsprogramm für mehr Ausbildungsplätze“, unterstrich Hannack, wozu sie wie die Linken-Politikerin Kaminski auch eine erweiterte Ausbildungsgarantie und eine Umlage zählt, wie es sie bereits in Berlin (seit März) und Bremen (seit März 2023) gibt. Die von den Länderparlamenten bewilligten Gesetze verpflichten die Unternehmen, ab 2028 bzw. 2025 eine Ausbildungsabgabe in einen Fonds einzuzahlen, aus welchem sich an Berufsbildung beteiligende Betriebe pro Azubi einen Ausgleichsbetrag erhalten. DGB-Vize-Chefin Hannack konstatierte, der Übergang von Schule in Beruf sei für viele junge Leute frustrierend und biete nicht die nötige Hilfe. Ihre Gewerkschaft erwarte vom Bund, den Ländern und Kommunen eine Qualitätsoffensive der Jugendberufsagenturen ebenso wie unterstützende Programme, wie die sog. Assistierte Ausbildung, die mit unterschiedlichen Angeboten für Azubis und Betriebe zu einem erfolgreichen Ausbildungsverhältnis beiträgt. Auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di machte sich für die Ausbildungsumlage stark.

In Anbetracht der Tatsache, dass mittlerweile weniger als ein Fünftel der Betriebe Azubis betreuten und um Anreize zu schaffen, mehr Ausbildungen anzubieten, sei es erforderlich, diese Abgabe bundesweit einzuführen. Was die gesetzliche Ausbildungsgarantie betrifft, müssten nach Ansicht von ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler mehr außerbetriebliche Ausbildungen bereitgestellt werden, die hohen Hürden beim Zugang zur Berufsbildung seien abzubauen. Wie die Beauftragten der Gruppe der Arbeitnehmer:innen, deren Forderungen in ihrer Stellungnahme sich im Wesentlichen mit denen von Linken und Gewerkschaften decken, beanstandete auch ver.di-Vorstandsmitglied Bühler, der Report berücksichtige die Berufe im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen bloß unzureichend. Dass man einen Fokus auf die dualen und handwerklichen Berufe lege, werde der Relevanz der im Sozialbereich angesiedelten Tätigkeiten nicht gerecht, weshalb Bühler dafür plädierte, die Gesetzesgrundlage für den Bericht entsprechend zu erweitern. Die Arbeitnehmer:innen-Verbände setzten sich unter Rückgriff auf die Statistik, wonach Frauen bei dualen Berufsbildungen, insbesondere in MINT-Berufen, stark unterrepräsentiert sind und Ausbildungen in männerdominierten Feldern häufiger abbrechen als männliche Azubis (was auch für Männer in klassischen Frauen-Domänen gilt) außerdem für eine „klischeefreie () Berufsorientierung und ein respektvolles, diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld" ein.

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