zwd Berlin. „Wer gleiche Chancen für alle Kinder will, muss (…) früher ansetzen“, kommentierte der Landesvorsitzende der saarländischen Grünen Volker Morbe am Mittwoch eines der Hauptergebnisse des Bildungsberichts 2026, wonach Ungleichheiten bei der Bildung schon vor Schulbeginn entstehen. Die von Landes-Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) eingeführten, verbindlichen Sprachstandserhebungen bei ab Vierjährigen – die bereits in einem Modellprojekt getestet werden – begrüßen die Grünen. Sie betonen jedoch als entscheidend darauf aufbauende „konkrete Förderung“ durch genügend Personal und schlagen ein obligatorisches Vorschuljahr vor.
Landes-Grüne: Vorschule als wichtige Phase für Bildungsgerechtigkeit
Wenn sich Bildungsungerechtigkeit schon vor dem Eintritt in die Schule verfestigten, dürfe man „diese Phase nicht länger aus der bildungspolitischen Diskussion“ ausgrenzen. Streichert-Clivot sieht für Kinder mit beträchtlichem Förderbedarf ein – da Kitabesuch im Saarland bis 2027 komplett beitragsfrei wird – kostenloses, verpflichtendes Bildungschancenjahr vor, mit zusätzlich 4 Wochenstunden Deutschlernen. 2024/ 25 machten laut Bericht 8 der 16 Bundesländer, wie Hamburg oder Hessen, die Tests in der frühen Bildung zur Pflicht,4 Länder nur für Kinder, die nicht die Kita besuchten. 8 Länder bauten darauf verbindliche Fördermaßnahmen auf, 3 Länder empfahlen die Lernhilfen.
SPD NRW fordert ressortübergreifende Bildungsstrategie
Die nordrhein-westfälische SPD-Fraktion hob hervor, der Report habe erneut die „zentralen Herausforderungen des Bildungssystems“ verdeutlicht und bestätigt, „wie abhängig der schulische Erfolg von der Herkunft“ sei. Es fehle nicht an Daten, bemerkte der Landes-Fraktionsvorsitzende der SPD Jochen Ott am Dienstag, es brauche „eine zusammenhängende Bildungsstrategie, die sich nicht an Ressortgrenzen orientiert“. Für Schule in einer Welt überall, andauernd verfügbarer Kenntnisse empfahl Ott u.a. „mehr Raum für fächerübergreifendes Lernen“, mehr Projektarbeit und Fokus auf Persönlichkeitsbildung.
Prien: Dramatisch unterschiedliche Anfangsbedingungen bei Kindern
Aus Sicht von Bundesfamilienministerin Prien stellt Bildung „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ dar. Schule allein werde „die große Herausforderung, die wir zu stemmen haben“ nicht bewältigen können, erklärte Prien bei der Vorstellung des Reports in der Bundespressekonferenz am Montag in Berlin. Zwar habe man die Kindertagespflege und Kitas qualitativ erheblich ausgebaut und (neben dem Kitarecht für Drei- bis unter Sechsjährige) einen Rechtsanspruch für ein- bis dreijährige Kinder geschaffen. Dennoch würden „die Kinder mit dramatisch unterschiedlichen Ausgangslagen“ hinsichtlich Wortschatz, Sprachentwicklung sowie sozial-emotionalen Fähigkeiten in den Schulen ankommen. Um der Situation entgegenzuwirken, ist nach Auffassung von Prien nicht nur enge Zusammenarbeit vom Bund mit Ländern und Kommunen, sondern auch aller Beteiligten, d.h. inklusive Kinder- und Jugendhilfe und mit Integration beauftragten Einrichtungen, erforderlich.
Als Beispiel für einen „integrierte(n) Ansatz“ nannte die Ministerin das Startchancen-Programm, bei dem man mit Forschung und Sozialraum kooperiere. Sie mahnte, alle diese Maßnahmen könnten nicht erfolgreich sein, wenn man nicht auch in der frühkindlichen Bildung „inhaltliche, qualitative Fortschritte“ mache. Gemäß Report entfalten Kinder je nach in Familien vorhandenen Ressourcen und Lernumgebungen in ihren ersten Lebensjahren durch soziale Herkunft bedingte Unterschiede. Bei der Einschulung seien diese schon stark ausgeprägt und blieben über die Schulzeit hin ziemlich stabil.
Ministerin für Standards in früher Bildung und multiprofessionelle Teams
Prien forderte deshalb, sich im Rahmen des neuen, im Koalitionsvertrag festgeschriebenen, nach Information der Bundesregierung (Drs. 21/ 3699) noch im zweiten Quartal 2026 als Entwurf vorzulegenden QEG „auf Standards in der frühen Bildung“ zu verständigen. Ein Schwerpunkt sei dabei auf das letzte Kita-Jahr zu legen. Hier gebe es „große Chancen, Kinder auf den ersten Übergang“ zwischen Kita und Grundschule vorzubereiten. Als weiteren wichtigen Punkt erwähnte Prien, Einsatz und Qualifizierung des pädagogischen Personals flexibler zu gestalten sowie – aufgrund sich vollziehender Transformation und des Strukturwandels - Formate für Weiterbildungen zu entwerfen, die Lehrkräfte für die geänderten Anforderungen ertüchtigen. Überdies stellte sie heraus, in Schulen multiprofessionelle Fachkräfte zu beschäftigen, d.h. Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen oder Schulpsycholog:innen, was Prien für eine unerlässliche „Voraussetzung hält, um Chancengleichheit zu erreichen“.
Union: Ganztag zentral, um Bildungserfolg von Herkunft zu entkoppeln
Für die Länderseite führte die ebenfalls zur Vorstellung des Reports anwesende Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (Union) aus, deren Situation sei inzwischen in allen Fällen von einem verschärften Mangel an Fachkräften, allmählich sichtbaren demografischen Veränderungen, hohen Anteilen von Schüler:innen mit Migrationshintergrund, großer kultureller wie sprachlicher Vielfalt und einer angespannten Finanzlage gekennzeichnet. Die Bundesländer hätten sich ganz eindeutig das Ziel gesetzt, dass die Kinder möglichst alle an frühkindlicher Bildung teilnehmen sollten. Darüber hinaus müsse der Ganztagsausbau in einigen Regionen vorangebracht werden. Obwohl viele ostdeutsche Länder überall Ganztagsschulen hätten, fehlten in anderen solche Angebote. Die Ganztagsbetreuung beurteilt Günther-Wünsch als zentrales Mittel, um „die Entkoppelung von Herkunft unserer Schülerinnen und Schüler und ihrem individuellen Bildungserfolg“ zu erreichen.
Dem Bericht zufolge nehmen die Geburtenzahlen nach Anstiegen in der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts seit 2022 ab. Diese Entwicklung wirke sich zuerst auf den Bereich der frühkindlichen Bildung aus, doch betreffe mittel- und längerfristig voraussichtlich auch die darauf folgenden Bildungsstufen. Gemäß Daten der Studie arbeiteten 2024 ca. 2,9 Mill. Menschen im System der formalen Bildung, insgesamt 7 Prozent aller Erwerbstätigen, 21 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. Die Quote, mit der unter dreijährige Kinder in Kitas betreut sind, stieg im Vergleich zu 2014 weiter um 5 Prozent (auf 43 Prozent), von den drei- bis sechsjährigen Kindern beteiligten sich knapp 96 Prozent an früher Bildung. Durch die Zuwächse beim Kitabesuch fallen die Effekte der Geburtenrückgänge etwas schwächer aus.
DIPF: Schwierigkeiten entstehen am Übergang von Bildungsstufen
Der Direktor des DIPF – Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Sprecher der Autor:innengruppe Prof. Kai Maaz unterstrich drei wesentliche Resultate des Berichts. Das Bildungssystem erlebe einen weitreichenden Strukturwandel durch sinkende Geburtenzahlen, „dynamische() Migration“ und mit ca. einem Viertel Kinder, die 2024 in Risikolagen, d.h. mit Armutsrisiko, bei gering qualifizierten oder erwerbslosen Eltern, lebten. Vor diesem Hintergrund verlangte Maaz, Bildungsplanung müsse „langfristiger, flexibler und stärker sozialräumlich“ werden.
Nach Angaben des Berichts waren 2024 rund 25 Prozent der Kinder von einer sog. Risikolage betroffen. Kinder von Alleinerziehenden wuchsen demnach mit 47 Prozent doppelt so häufig in Gefährdungslagen auf als bei beiden Eltern lebende Kinder (21 Prozent). Als noch stärker bedroht erwiesen sich Kinder mit Migrationshintergrund, bei denen der Anteil mit mehr als der Hälfte (54 Prozent) 4-mal so hoch lag als bei Kindern ohne Migrationsgeschichte (14 Prozent). Das Aufwachsen in Risikolagen beeinflusse den weiteren Bildungsverlauf potenziell negativ, was gerechte Chancen in der Bildung auf die Probe stelle. Grundsätzlich könnten diese Kinder von verbesserten Rahmenbedingungen für die Erwerbsarbeit ihrer Eltern profitieren, wie von am Bedarf orientierter Kinderbetreuung. Doch gerade Kinder in Gefährdungslagen und mit Migrationshintergrund seien beim Zugang zu Kitas benachteiligt.
DPhV drängt auf verbindliche Gymnasialempfehlungen
Der Deutsche Philologenverband (DPhV) nahm in erster Linie zu Beobachtungen der Studie hinsichtlich von sozialer Herkunft beeinflussten Bildungsentscheidungen Stellung, vor allem am Übergang von der Grundschule zum Gymnasium, und rief zu „konkrete(m) politische(m) Handeln“ auf. Der DPhV setzte sich dafür ein, Gymnasialempfehlungen verbindlichen Charakter zu geben, „um leistungsstarken Kindern unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund den Übergang auf das Gymnasium (...) zu ermöglichen“ Wie aus dem Report hervorgeht, erhalten sozial benachteiligte Kinder auch bei gleich guten Schulleistungen seltener eine Empfehlung für den Gymnasialbesuch als privilegierte, und sie befolgen eine Empfehlung auch weniger häufig als ihre sozioökonomisch besser gestellten Mitschüler:innen.
Von Frühbildung bis zum Lernen Erwachsener soziale Unterschiede
Wie DIPF-Direktor Maaz darlegte, bleibt die Frage der für Bildung verfügbaren Ressourcen ausschlaggebend, weitere Herausforderungen würden die Bildungsbiografien von jungen Leuten bieten. Dabei entstehen nach seinen Angaben Schwierigkeiten insbesondere am Übergang zwischen aufeinander folgenden Bildungsstufen, d.h. von der Kita zur Schule oder von der Schule zur beruflichen Bildung. Aufgabe sei es zu gewährleisten, dass „Bildungsübergänge gelingen“. Der Soziologe stellte auch fest, dass Kompetenzen von Schüler/innen rückläufig seien, z.B. habe 2024 fast ein Viertel der getesteten 15-Jährigen, welche die Mittlere Reife anstreben (IQB-Bildungstrend 2024), nicht den Mindeststandard in Mathematik geschafft. Gleichzeitig habe sich die Quote der Schulabbrecher:innen auf ca. 8,0 Prozent (2014: 5,5 Prozent) erhöht. Beim Fachkräftemangel handelt es sich nach Ansicht von Maaz nicht mehr bloß um ein Problem der Menge fehlenden Personals, sondern auch um ein „Qualifizierungs-, Verteilungs- und Organisationsproblem“.
Für besonders wichtig erachtet der Forscher das Schwerpunktthema des Berichts „Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft“. Von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung von Erwachsenen ließen sich „durchgehende und ausgeprägte soziale Unterschiede“ nachzeichnen. In den Bildungsungleichheiten erkennt Maaz „nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem“, sie seien auch „ein Problem des Fachkräftemangels“. Sozial unterprivilegierte Schüler:innen haben nach Aussagen des Berichts deutlich mehr Probleme, grundlegende Kompetenzen zu erwerben. Bei der vorigen PISA-Studie (2022) schafften fast zwei Fünftel (39 Prozent) der Jugendlichen aus besonders benachteiligten Familien nur die geringste Kompetenzstufe I im Lesen, in Mathematik sogar fast die Hälfte (47 Prozent), bei Schüler:innen aus privilegierten Familien galt dies lediglich für jeweils 8 Prozent.
Die Linke setzt sich für Kooperation von Bund und Ländern ein
In den Jahren 2024 bis 2026 haben die Länder, wie Maaz mitteilte, knapp 350 Maßnahmen aufgelegt, um Ungleichheiten in der Bildung abzubauen, der Bund seinerseits 13 Maßnahmen. Man müsse also dafür sorgen, diese einzelnen Aktivitäten zu koordinieren, damit sie besser wirken könnten. Der Forscher resümierte, man sollte „Qualität und Professionalität systemisch weiterentwickeln“, da sich „gesellschaftliche, demografische und technologische Rahmenbedingungen“ gleichzeitig veränderten. Es gelte, „Ressourcen wirksamer einzusetzen und stärker an den Bedarfen auszurichten“, ebenso Verantwortung nicht nur „entlang institutioneller Zuständigkeiten zu organisieren, sondern entlang der Bildungsbiografien“.
Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag Nicole Gohlke kritisierte, die Erkenntnis aus dem im Zwei-Jahres-Rhythmus von der Regierung präsentierten Bildungsbericht bleibe seit Jahrzehnten gleich: dass Chancen in der Bildung von der sozialen Herkunft bestimmt seien. Demgegenüber forderte Gohlke den politischen Willen ein, diese – vielfach dokumentierte – Ungerechtigkeit zu beseitigen.Die Linken-Politikerin berief sich auf das Grundrecht jedes Kindes auf eine „gute Bildung, gerechte Chancen und vergleichbare Standards im Bildungssystem“ und engagierte sich wieder dafür, das sog. Kooperationsverbot aufzuheben, damit der Bund mit Ländern und Kommunen „Bildung als gemeinsame Aufgabe“ leisten könnten.
VBE: Desolate Lage an Schulen beeinträchtigt individuelle Förderung
Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Tomi Neckov prangerte die Resultate des Berichts als ein „Armutszeugnis für eine der größten Volkswirtschaften weltweit"“ an. Die Folgen von Versäumnissen in der Bildungspolitik der vorigen Jahrzehnte ließen sich nicht weiter ignorieren. Einen Grund für die im Report belegten schlechteren Chancen von sozial benachteiligten Kindern und ihre schwächeren Leistungen bei Grundkompetenzen im Vergleich mit privilegierten Schüler:innen sieht Neckov in der desolaten Situation von Schulen: Diese hätten „unter massivem Personalmangel, sanierungsbedürftigen Gebäuden und einer mangelhaften Digitalisierung“ zu leiden und trotzdem außer ihrem Bildungsauftrag „immer neue gesellschaftliche Herausforderungen“ zu lösen, was sich auch nachteilig auf die benötigte individuelle Förderung von betroffenen Kindern auswirke.
Au0erdem gab der VBE-Vorsitzende zu bedenken, dass nach Daten des Berichts sozial benachteiligte Schüler:innen scheinbar mehr Bildungschancen hätten, wenn die Aufteilung in verschiedene Schularten zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet. Auch Neckov forderte, Bildung müsse „zu einem zentralen und ressortübergreifenden Fokus der Bundesregierung“ werden. man brauche „eine grundlegende Neuorientierung und deutlich höhere Investitionen“. Der vom Bundesbildungsministerium (BMBFSFJ) und der Kultusministerkonferenz (KMK) geförderte, im Abstand von zwei Jahren erscheinende Bericht Bildung in Deutschland wird von einer Autor:innengruppe des DIPF – Leibniz-Instituts für Bildungsforschung in Zusammenarbeit u.a. mit dem Deutschen Jugendinstitut, dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung sowie den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder erstellt.